Fugen als natürliche Feuchtigkeitsregulatoren im Mauerwerk

Fugen als natürliche Feuchtigkeitsregulatoren im Mauerwerk

Wenn man an ein Mauerwerk denkt, richtet sich der Blick meist auf die Ziegelsteine. Doch die Fugen – die schmalen Mörtelstreifen zwischen den Steinen – spielen eine weit größere Rolle, als viele vermuten. Sie halten nicht nur das Mauerwerk zusammen, sondern wirken auch als natürliche Feuchtigkeitsregulatoren, die dem Gebäude helfen zu „atmen“ und ein gesundes Raumklima zu bewahren. In einer Zeit, in der Dichtheit und Wärmedämmung im Fokus stehen, lohnt es sich, die Bedeutung der Feuchtigkeitsaufnahme und -abgabe durch die Fugen zu verstehen.
Das „Atmen“ des Mauerwerks
Ein traditionelles Ziegelmauerwerk ist nie völlig dicht – und das ist auch so gewollt. Ziegel und Mörtel bilden ein System, das Feuchtigkeit aus Regen und Luft aufnehmen und bei trockener Witterung wieder abgeben kann. Dieser natürliche Feuchtigkeitsaustausch schützt sowohl das Mauerwerk als auch das Raumklima.
Die Fugen machen etwa 15–20 Prozent der sichtbaren Mauerwerksfläche aus und besitzen eine offenere Struktur als die Ziegel selbst. Dadurch nehmen sie Feuchtigkeit schneller auf und geben sie ebenso rasch wieder ab. Sie wirken somit wie ein „Ventil“, das das Gleichgewicht zwischen Feuchtigkeit und Trockenheit im Mauerwerk aufrechterhält.
Warum Feuchtigkeitsregulierung so wichtig ist
Feuchtigkeit im Mauerwerk ist nicht grundsätzlich schädlich – sie gehört zum natürlichen Lebenszyklus einer Wand. Problematisch wird es erst, wenn die Feuchtigkeit nicht mehr entweichen kann. Zu dichte oder zu harte Fugenmörtel können Feuchtigkeit im Inneren einschließen. Die Folge sind Frostschäden, Abplatzungen oder im schlimmsten Fall strukturelle Beeinträchtigungen.
Eine gute Fuge ermöglicht den Feuchtigkeitsaustritt, bevor Schäden entstehen. Deshalb ist es entscheidend, dass die Fugen in ihrer Festigkeit und Dichtigkeit auf die Ziegel abgestimmt sind. Besonders bei historischen Gebäuden, in denen Kalkmörtel verwendet wurde, ist diese Balance wichtig – Kalk ist diffusionsoffener als moderner Zementmörtel und harmoniert besser mit alten Ziegeln.
Die Wahl des richtigen Mörtels – Balance zwischen Festigkeit und Diffusionsfähigkeit
Bei Sanierungen oder Neuverfugungen ist die Wahl des passenden Mörtels entscheidend. Viele gehen davon aus, dass ein härterer Mörtel automatisch besser sei – doch das Gegenteil ist oft der Fall. Ein zu harter Zementmörtel kann die Feuchtigkeitsabgabe behindern und so die Ziegel schädigen.
- Kalkmörtel eignet sich besonders für historische Gebäude. Er ist flexibel, diffusionsoffen und kann kleine Risse im Laufe der Zeit selbst „heilen“.
- Kalk-Zement-Mörtel wird häufig im modernen Wohnungsbau eingesetzt, da er eine gute Balance zwischen Festigkeit und Atmungsfähigkeit bietet.
- Reiner Zementmörtel sollte nur dort verwendet werden, wo hohe Festigkeit und Dichtheit erforderlich sind – etwa im Sockelbereich oder bei stark bewitterten Bauteilen.
Die optimale Mörtelwahl hängt vom Alter, der Bauweise und der Witterungsexposition des Mauerwerks ab.
Anzeichen für sanierungsbedürftige Fugen
Fugen sind der Witterung direkt ausgesetzt und unterliegen natürlichem Verschleiß. Wenn sie zu bröckeln beginnen, Risse zeigen oder ausfallen, verlieren sie ihre Schutzfunktion. Typische Anzeichen für eine notwendige Erneuerung sind:
- Sichtbare Risse oder Ausbrüche in den Fugen
- Dunkle, feuchte Stellen an der Fassade
- Poröser oder sandender Mörtel, der sich leicht abreiben lässt
- Salz- oder Kalkausblühungen, die auf Feuchtigkeitswanderung hinweisen
Wer solche Symptome bemerkt, sollte eine Fachperson hinzuziehen. Eine fachgerecht ausgeführte Neuverfugung kann die Lebensdauer des Mauerwerks um Jahrzehnte verlängern.
So bleiben Fugen funktionsfähig
Damit Fugen ihre Rolle als natürliche Feuchtigkeitsregulatoren erfüllen können, müssen sie gepflegt werden. Einige einfache Maßnahmen helfen dabei:
- Vermeiden Sie dichte Beschichtungen wie nicht diffusionsoffene Farben oder Imprägnierungen, die das Mauerwerk „einschließen“.
- Kontrollieren Sie Dachrinnen und Fallrohre, damit kein Wasser unnötig über die Fassade läuft.
- Entfernen Sie Algen und Moos vorsichtig, da sie Feuchtigkeit speichern und den Mörtel angreifen können.
- Verwenden Sie bei Reparaturen passende Materialien, die zur Bauzeit und zum Charakter des Gebäudes passen – das erhält die Feuchtigkeitsbalance.
Fugen als Teil eines gesunden Gebäudes
Ein Mauerwerk mit intakten, diffusionsoffenen Fugen ist ein lebendiges System, das auf Witterungseinflüsse reagiert und das Gebäude von innen schützt. Wer die Funktion der Fugen als natürliche Feuchtigkeitsregulatoren versteht, kann viele Schäden vermeiden, die durch übermäßige Abdichtung entstehen. Es geht nicht darum, jede Feuchtigkeit fernzuhalten – sondern darum, dem Haus das richtige Maß an „Atmung“ zu ermöglichen.









